Morgen selbständig, übermorgen reich!

Nur noch machen, was man will, dabei auch noch mehr verdienen – so stellen sich manche das Leben als Freiberufler vor. Dabei bedeutet der Sprung in die Selbständigkeit meist erst einmal weniger Geld. Nur in wenigen Berufen ist auf längere Sicht ein deutliches Plus drin.

Vielleicht, sagt Marko Schacher, 40, ist er da ein bisschen naiv rangegangen. Aber als eine Kollegin ihm erzählte, in einer Galerie-Gemeinschaft werde ein Platz frei, als sie ihn fragte, ob er sich nicht dort niederlassen wolle – da ließ ihn dieser Gedanke nicht mehr los.

Der Kunsthistoriker war zu diesem Zeitpunkt seit vier Jahren bei einer renommierten Galerie fest angestellt. Und er wusste: Wenn man sich in seiner Branche selbständig macht, dann tut man das aus Idealismus, nicht weil man sich mehr Geld erhofft. Er ging das Wagnis ein.

In seinem Stuttgarter „Raum für Kunst“ verkauft er jetzt zeitgenössische, junge Kunst. Und verdient nach Abzug aller Kosten jeden Monat ein paar hundert Euro. Wenn es gut läuft. Vielleicht ist ein wenig Blauäugigkeit in so einer Situation ganz nützlich – weil man einen solchen Schritt sonst gar nicht wagen würde.

„Die meisten machen sich nicht selbständig, weil sie mehr verdienen wollen, sondern weil sie sich selbst verwirklichen wollen“, sagt Svenja Hofert, Karriere-Coach aus Hamburg. In den ersten ein, zwei Jahren sei das Einkommen von Freiberuflern meist sehr gering. „Dass die Gründung sofort ins Portmonee schießt, ist in den meisten Fällen unrealistisch.“ Helfen kann immerhin noch der staatliche Gründungszuschuss. Aber auch der läuft nach spätestens 15 Monaten aus.

Dabei gibt es durchaus Berufe, in denen man als Freiberufler mehr verdienen kann. Im Bereich IT und Banking etwa ist die Selbständigkeit eine attraktive Perspektive. Das Gleiche gilt für die Beratungsbranche, insbesondere, wenn der Gründer über spezielles technisches Fachwissen verfügt. Projektmanager können ebenfalls relativ schnell finanziell erfolgreich sein. „Schlechtverdiener sind dagegen soziale Dienstleister oder beispielsweise Kulturmanager“, sagt Svenja Hofert. Oder eben Galeristen.

Schwankendes Einkommen und ständige Gefahr des Scheiterns

Marko Schacher hatte zum Glück vor seiner Gründung etwas Geld angespart. Seine monatlichen Kosten, etwa für Miete und Druckkosten von Werbematerial, betragen monatlich um die 2000 Euro. Trotzdem liebt er seinen neuen Job. „Als ich meine ersten Bilder nach England verkauft habe, da war ich schon sehr stolz“, sagt er. „Und für mich sind begeisterte Besucher auch viel wert.“ Im nächsten Jahr will er auf Messen gehen, erhofft sich einen höheren Bekanntheitsgrad – und dann auch irgendwann einen besseren Verdienst.

Dass jemand wie Marko Schacher trotz geringeren Einkommens zufriedener zur Arbeit geht, ist ein weit verbreitetes Phänomen. Bei einer Befragung der Universität München von mehr als 1000 Selbständigen gaben 96 Prozent an, sie würden den Schritt in die Freiberuflichkeit wieder gehen. Auf einer Skala von 1 bis 5 (sehr unzufrieden bis sehr zufrieden) ergab sich ein durchschnittlicher Wert von 4.

Gleichzeitig ist die Gefahr des Scheiterns für Freiberufler ständig präsent. So belegte eine Studie aus dem Jahr 2008, dass ein Drittel der Bezieher von Überbrückungsgeld fünf Jahre nach ihrer Gründung wieder aufgegeben hatten. Das Überbrückungsgeld ist der Vorläufer des heutigen Gründungszuschusses.

Viele unterschätzen die Startkosten

Wer durchhält, der muss mit schwankenden Einkommen rechnen, mit 60-Stunden-Wochen und wenig Urlaub. Er habe ab dem zweiten Jahr seiner Selbständigkeit zaghaft „ein, zwei Wochen“ Auszeit genommen, erzählt der Vermögensberater Lothar Koch, 40. Dafür gibt er an, mittlerweile das Doppelte von dem zu verdienen, was er als Angestellter einer Großbank bekam.
„Wenn man eine solide Kundschaft hat, steht man in meiner Branche als Selbständiger eigentlich immer besser da“, sagt Koch. Allerdings muss er von seinen Einkünften Versicherungen und Steuern bezahlen sowie für die Rente vorsorgen. Das vergessen viele, die mit der Selbständigkeit liebäugeln.

Lothar Koch kündigte seinen Job vor fast sieben Jahren, weil er nicht mehr unter dem Druck stehen wollte, feste Vorgaben zu erfüllen. „Wenn man wusste, dass laut Plan noch 50.000 Euro in Asien angelegt werden sollten, dann hat man genau das empfohlen, ob es dem Kunden nun nützte oder nicht.“ Jeden Montagmorgen habe er wieder und wieder diskutieren müssen, warum er auch mal gar keinen Gewinn vorzuweisen hatte – einfach, weil er Stillhalten in manchen Zeiten als gute Strategie empfand. Heute schlägt Lothar Koch nur noch das vor, was sich für die Kunden lohnt. Dafür verlangt er ein Prozent des anzulegenden Vermögens an Honorar.
Generell gilt die Faustregel: Je mehr Erfahrung man mitbringt, desto höhere Honorare sind als Selbständiger drin. Wer sich als Texter direkt nach dem Germanistikstudium selbständig mache, so Coach Svenja Hofert, verdiene deutlich weniger als ein freiberuflicher Texter mit fünf Jahren Erfahrung in einer Werbeagentur.

Zweite Faustregel: Mit hohen Ausgaben muss insbesondere am Anfang gerechnet werden. „Auch ein Berater braucht ein paar tausend Euro für die Grundausstattung, etwa für eine gute Webseite“, sagt Hofert.

marike_frickMarike Frick (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie beschäftigt sich insbesondere mit Job- und Bildungsthemen.

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