Enders: Folgen der Corona-Krise

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Im Gespräch mit Kai Enders, Präsident des Deutschen Franchise Verband

,Herr Enders, wo sitzen Sie gerade die Corona-Krise aus?

Im Homeoffice und wundere mich darüber, dass ich jetzt noch viel mehr zu tun habe als zuvor. Zum einen im operativen Geschäft bei Engel & Völkers und zu andren durch die krisenbedingten Themen, die wir wie alle Kollegen in den Franchisesystemen beantworten müssen. Dazu kommt die Arbeit als Präsident des Deutschen Franchiseverbandes. In dieser prekären Situation zeigt sich, welch gut eingespieltes Team wir in der Berliner Geschäftsstelle haben und welchen Nutzen die Mitgliedschaft stiften kann. Damit bin ich sehr zufrieden.

Was waren denn die ersten Maßnahmen seitens des DFV für seine Mitglieder?

Auf solch ein epochales Ereignis wie die Corona-Krise waren auch wir nicht vorbereitet. Doch wir haben sofort reagiert. So haben wir sehr schnell Foren zum Austausch unter den Mitgliedern eingerichtet um Informationen und erste Erfahrungen bei der Krisenbewältigung auszutauschen. Zudem haben wir interne Experten von den großen Systemen ebenso wie externe Fachleute hinzugezogen, zahlreiche Webkonferenzen für unsere Mitglieder durchgeführt und zusammen mit Systemvertretern und assoziierten Experten quasi über Nacht Leitfäden erstellt, welche Möglichkeiten bieten etwa die staatlichen Hilfen, die jetzt genutzt werden können- zum Beispiel Kurzarbeitergeld.

In der Stunde der Not ist dies doch eine originäre Verbandsaufgabe …

Sicherlich, aber entscheidend ist, es hat funktioniert und zwar im Schulterschluss mit unseren Mitgliedern. Da kann ich nur sagen wir haben uns bislang wacker geschlagen.

Nun ist bei der Corona-Krise noch kein Ende in Sicht, aber mit Sicherheit folgt eine Rezession. Der Internationale Währungsfons (IWF) rechnet mit der größten globalen Rezession. Die Wirtschaft in Deutschland soll danach um sieben Prozent schrumpfen. Wirtschaftsforscher Christoph Schmidt vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen verweist auf die Prognose der Wirtschaftsweisen, die mit einem Rückgang von 4,2 Prozent rechnen, weniger als in der Finanzkrise 2008. Auf Sicht geht es also erst einmal bergab. Es trifft laut Schmidt deutlich mehr Dienstleistungsunternehmen und viel mehr kleinere Unternehmen – beides charakterisiert die Franchisewirtschaft, die nahezu alle Branchen erobert hat.

Wie gut ist die Franchisewirtschaft gewappnet?

Gut gewappnet zu sein, das kann niemand in der Franchise-Wirtschaft behaupten. Klar es gibt wie in jeder Krise Gewinner – da fällt mir Netflix ein, das ist zwar kein Franchisesystem, und natürlich Verlierer. Zwischen den Systemen gibt es jedenfalls große Unterschiede je nach Branche und im Reifegrad. Aber alle Systeme haben aktuell Bremsspuren zu verzeichnen.

Die KfW versorgt Kleinbetriebe mit Finanzspritzen, die müssen aber zwischen 2017 und 2019 Gewinn gemacht haben. Nimmt man die Zahlen des Deutschen Franchise Verbandes dann, stieg in diesem Zeitraum die Anzahl der Franchisenehmer von 162.000 auf exakt 171.824. Nach Adam Riese reden wir also über 9.824 – rund 10.000 Franchisenehmer -, die dieses Kriterium nur bedingt erfüllen – oder?

Das stimmt. Doch es macht schon einen Unterschied ob ich vor einem Jahr auf eigene Faust gegründet habe oder mich einem etablierten Franchise-System angeschlossen haben. Die Rücklaufquote in den wirtschaftlichen Erfolg durchlaufen diese Gründer schneller, weil sie viele Anfangsfehler vermeiden, da sie in einem Netzwerk mit erfahrenen Leuten tätig sind. Zudem sind die Franchisegeber darauf bedacht ihre Partner bei der Stange zu halten und lassen sich deshalb einiges einfallen.

Was zum Beispiel?

Bei Engel &Völkers haben wir eine Reihe von Erleichterungen für unsere Partner eingeführt und bestimmte laufende Kosten halbiert oder erheben sie im Moment überhaupt nicht. Es gibt in Einzelfälle auch Stundungen der Franchisegebühr. Da suchen wir für jeden Partner im Einzelfall einen praktikablen Weg. Das entspricht ja dem Grundgedanken des Franchisings – Geben und Nehmen -, damit beide Seite klarkommen. Schließlich wollen wir ja mit dem jeweiligen Partner auch noch die nächsten zehn Jahre und darüber hinaus zusammenarbeiten

Nach Branchen sind primär Gastronomie, Hotellerie Einzelhandel und Dienstleister vom plötzlichen Umsatzeinbruch bei weiterhin laufenden Kosten wie Miete betroffen, wie lange können das die Franchisenehmer den Lockdown in diesen Branchen überbrücken?

Die Situation ist je nach Branche aber auch nach dem Liquiditätsstatus jedes einzelnen Franchisenehmers nach unterschiedlich und hängt davon ab, wann die neue Normalität praktisch umgesetzt ist und die Wirtschaft wieder floriert.

Nehmen Sie unsere rund 350 Standorte in der Dach-Region – also Deutschland, Österreich und Schweiz-; die haben in der Vergangenheit sehr gut verdient. Gleichwohl wollten wir jetzt genau wissen, wie lange sie die Krise finanziell abfedern können. Im Ergebnis sieht sich die Hälfte dazu für ein halbes Jahr in der Lage, in der zweiten Hälfte dominieren die Partner mit einem Puffer zwischen drei und sechs Monaten. Nur bei einigen der just gestarteten Franchisenehmer passte das finanzielle Korsett für einen Beginn unter normalen wirtschaftlichen Bedingungen, bei den schauen wir als Franchisegeber genau hin und achten darauf, dass sie durch die Krise kommen.

Wie viele Franchise-Systeme stehen von den knapp 1.000, von denen etwa 300 bis 400 tatsächlich gut funktionierende Geschäftsmodelle lizensieren, jetzt auf der Kippe?

Beim Blick in die Zukunft können auch wir nicht seriös einschätzen, ob Systeme beziehungsweise deren Partner einen Puffer für sechs Wochen oder womöglich sechs Monate haben. Da möchte ich auch gar nicht spekulieren. Klar ist nur eines, die gesamte Ökonomie steht vor einer großen Herausforderung und da wird es auch Opfer geben – sicherlich auch unter den Franchisesystemen. Doch in der Tendenz sind partnerschaftlich organisierte Systeme gut aufgestellt, um Krisen meistern zu können.

Wer zählt Ihrer Einschätzung nach zu den Verlierern und wer zu den Gewinnern Neben wir mal die Fitness-Branche. Da gibt es mit Kieser-Training, der das Thema Rücken bearbeitet und Mrs. Sporty wo Männer vor der Tür bleiben müssen zwei sehr klar positionierte Systeme – sind alle anderen austauschbar?

Ich würde Ihre Branchenanalyse nicht primär am Grad der Spezialisierung ausmachen. Die beiden hervorgehobenen Systeme setzen sehr geschickt auf zwei Themen und sind da singulär. Aber nehmen Sie mich, ich bin weder eine Frau noch leide ich trotz Homeoffice unter Rückenproblemen und achtet sehr wohl auf meine Fitness. Aus der Branche höre ich, dass die Clubmitglieder sich sehr solidarisch verhalten und ihre Beiträge weiterhin zahlen und ein Leistungskonto aufbauen, was sie dann später abrufen können. Das scheint ganz gut zu funktionieren. Aber wir befinden uns ja erst seit wenigen Wochen in dieser Ausnahmesituation. Alles hängt davon, wie lange am Lockdown festgehalten werden muss. Zugleich besteht unser Sozialstaat offensichtlich den Stresstest und sorgt mit dem Kurzarbeitergeld dafür, dass die Arbeitslosenzahl vorerst nicht steigt. Wenn wir Glück haben und die gesundheitliche Krise beherrschbar bleibt, kann es durchaus sein, dass die Menschen nach ein paar Wochen Kurzarbeit gern wieder ins Fitnessstudio gehen.

Großunternehmen im Franchising wie VALORA (Ditsch, BackWerk), Groupe Le Duff (Kamps), aber auch internationalen Beteiligungsgesellschaften (Private Equity) wie EQT (BackWerk, Sausolitos) oder Kahris Capital (Nordsee) verändern die mittelständische Branchenprägung, rückt Franchising somit zunehmend in den Fokus von Investoren.

Absolut. Nun repräsentiert der Deutsche Franchise Verband die gesamte Bandbreite von Franchisesystemen von klassischen Familienbetrieb eines Vom Fass, wo erfolgreich der Junior Thomas Kiderlen den Stab vom Gründer Hans Kiderlen übernahm, bis zu einem Weltunternehmen, das an der New Yorker Stock Exchange notiert, nämlich McDonalds. Bei der Betrachtung der Entwicklungen auf dem Franchise-Markt darf man aber nicht mit falschverstandener Romantik herangehen, denn nicht immer klappt eine Nachfolge im Mittelstand so reibungslos wie in dem erwähnten und etlichen anderen Systemen. Bei Engel & Völkers, einem Familienunter nehmen mit mehr als 40 Jahre Marktpräsenz und über 20 Jahre Erfahrung im Franchising haben wir durchaus von Private Equity gelernt und sind noch einen Tick weit professioneller geworden. Das eingebrachte Geld haben wir für unsere internationale Expansion eingesetzt und so vielleicht 10 Jahr früher als aus eigener Kraft unsere gesteckten Meilensteine erreicht. Doch wie immer im Geschäftsleben kommt es darauf an, wer die letztlich handelnden Personen sind und was sie treibt. Deshalb ist Private Equity weder per se gut noch schlecht.

In Zeiten von Vollbeschäftigung sinke der Drang nach Selbständigkeit und bei Arbeitslosigkeit steigt er, so lautete bislang das Mantra der Branche. Die jüngsten Zahlen der KfW vor der Krise zeichnen aber ein anderes Bild: Die Gründungstätigkeit in Deutschland hat 2019 erstmals seit 5 Jahren wieder angezogen“. Da herrschte mit einer Arbeitslosenquote von 5 Prozent Vollbeschäftigung. Falls die Arbeitslosenquote demnächst auf bis zu 15 Prozent anzieht, müsste folglich die Anzahl von Gründern kräftig zunehmen?

Das sehe ich nicht so. Schon in der Vergangenheit habe ich mich über den Zusammenhang, der hergestellt wurde von der Arbeitslosenquote und dem Akquise-Erfolg, gewundert. So lange ich schon in der Branche bin, höre ich nur wie schwierig die Franchisenehmergewinnung sei. Meine persönliche Erfahrung zeichnet ein konträres Gründer-Bild. Die Partner die zu uns bei Engel &Völkers kommen, hatten durchweg einen guten Job mit einer kleineren oder mittleren Führungsaufgabe. Deren Beweggründe, ihr eigenes Ding zu machen, sind vielfältig, manche verstanden sich nicht mehr mit ihrem Chef, in anderen Fällen nutzen Mitarbeiter in einem Konzern Ausstiegsprogramme, weil sie beispielsweise nicht mehr länger zwischen Firma und Familie über weite Strecken pendeln wollten. Wenn jetzt die Arbeitslosenziffer nach oben springt, was in der Tat zu befürchten ist, so werden deshalb meiner Einschätzung nach nicht mehr Gründer von den Bäumen fallen. Der Rekrutierungsprozess ist und bleibt eine große Herausforderung für die Franchisewirtschaft.

Großveranstaltungen werden reihenweise abgesagt, Bundesliga-Kicks finden, wenn überhaupt ohne große Kulisse statt, die Frankfurter „Ambiente“, die Hamburger „Internorga“ sind ist bereits auf 2021 verschoben. Jüngst verkündete Bayern den Zapfenstreich für das diesjährige Oktoberfest. Findet denn die Franchisemesse statt?

Das ist noch nicht entschieden. Wir haben sehr frühzeitig das diesjährige Franchise Forum abgesagt, da wir annahmen, dass viele Mitglieder ganz andere Sorgen im Mai drückt und sie keine Lust zum Feiern hätten. Hinterher ist man bekanntlich schlauer, da haben wir (leider) richtiggelegen. Durch die frühzeitige Absage konnten wir jedoch eine Menge Geld einsparen und blieben nicht auf einen Berg an Stornorechnungen sitzen. Ob die dritte Franchisemesse nach ihrem Neustart im Jahr 2018 in Frankfurt stattfindet, ist im Moment noch völlig offen; je nach Verlauf der Corona-Krise könnte dies ja Anfang November womöglich ein guter Zeitpunkt für die Franchisenehmergewinnung sein.

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