Das Geheimnis um Schloss Holte-Stukenbrock

Frank Roebers, Chef von Synaxon

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Synaxon AG

Franchise-Pionier und Börsen-Star, beide Etiketten zieren PC Spezialist wie die Holding Synaxon AG. Wer bei diesem Mittelständler tatsächlich die Drähte zieht, möchte Frank Roebers, Vorstandsvorsitzender, lieber nicht verraten. Hier die ungeschriebene Geschichte.
PC-Spezialist war das erste Franchise-System in der Computerbranche und ist eine Marke der Synaxon AG. Kurz nach der Stunde null des Start-ups kam Frank Roebers (Jahrgang 1967) dazu. Der vom Mitarbeiter zum Großaktionär mutierte Franchise-Manager profiliert sich vorzugsweise als Querdenker. Legendär sind die Geschichten, die davon erzählen, wie er weit vor dem TV-Format „Undercover BOSS“ als Trainee bei einem IT-Systemhaus des Konzerns jobbte, um Marktnähe zu schnuppern. Und dem Wirtschaftsmagazin Brand eins vertraute der Ex-Student der linksautonomen Szene an, wie er nach basisdemokratischen Prinzipien und nach Art der Piratenpartei zu führen gedenkt. Doch wenn es um die wahren Besitzverhältnisse bei Synaxon geht, verharrt der Jurist in Schock-Starre und verbleibt im Ungefähren.

5 Frank Roebers und Günter Lewald 2015 beim Abschied vom Aufsichtsratsvorsitz der Synaxon AG


Frank Roebers und Günter Lewald 2015 beim Abschied vom Aufsichtsratsvorsitz der Synaxon AG


Ob der Frage, wie lange er noch seinen Job als Boss der SynaxonAG machen werde, ist Frank Roebers verblüfft. „Das hat mich mein Aufsichtsrat auch dieser Tage gefragt. Die Antwort lautet: Solange bis man mich mit den Füssen voran hinausbefördert.“ Das kann noch dauern, denn Konstanz und Firmentreue zeichnen den Diplom-Juristen aus. Als Student lernte er das Gründer-Duo des Start-ups PC Spezialist, Thomas Kruse und Andre´ Flottmann, kennen; ein Franchise-System, das später als Vertriebslinie unter das breite Dach der 1991 gegründeten SYNAXON AG kam und bis heute existiert. In dem zeitweise am Neuen Markt notierten Unternehmen durchlief Roebers nach dem ersten juristischen Staatsexamen ab 1992 bis jetzt alle möglichen Positionen wie zuvor und parallel bei der Bundeswehr: vom einfachen Rekruten bis zum Oberstleutnant der Reserve. Im beruflichen Pendant führte die Karriere vom Franchisenehmer bis in den Vorstand und schließlich an die Spitze: Vorstandsvorsitzender der Synaxon mit Sitz in Schloss-Holte-Stukenbrock unweit von Bielefeld in Westfalen.
Börsen-Fieber in Deutschland
Ein Jahr vor dem Millennium grassierte in Deutschland das Börsen-Fieber, als die PC Spezialist Franchise AG 1999 seine Premiere auf dem Frankfurter Parkett einläutete. Die Unternehmensgruppe zählt damals 123 Mitarbeiter. Die Zukunft erschien rosarot. Vorstandschef Frank Roebers sah quasi voraus, dass sein Unternehmen 2010 als “größte IT-Verbundgruppe” Europas mit 2.721 Partnern im deutschen Einzelhandel dasteht. Darunter sind 91 Franchisenehmer der PC-Spezialist-Kette. Die große Mehrheit sind Mitglieder der Einkaufskooperationen Microtrend, Akcent und iTeam. Die IT-Kooperation Synaxon UK in Großbritannien zählt mehr als 600 Partner.

Die Hysterie um den Neuen Markt erreichte zunächst immer neue Höhen – bis zum jähen Absturz im Jahr darauf. PC Spezialist, heute Synaxon AG, ist eines der wenigen Unternehmen, das alle Höhen und Tiefen überlebt hat. Doch börsennotiert ist das Unternehmen seit 2015 nicht mehr. „Das war eine unglaubliche Zeit damals“, erinnert sich der Vorstandsvorsitzende Frank Roebers an die wilde Zeit, die ihm und dem Gründer-Duo Thomas Kruse und Andre´ Flottmann mit einem Schlag Millionen bescherte. Spätere Aktienverkäufe mehrten das Vermögen und garantieren dem akribischen Arbeiter vulgo Workaholic Roebers seine wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Bis 2005 lief das Börsengeschäft lebhaft für die Synaxon AG, danach kehrte Ruhe ein. Viele institutionellen Aktionäre strichen den Computerhändler von ihrem Börsenzettel und setzten auf andere Einhörner unter den Start-ups. Zuletzt seien an einem durchschnittlichen Tag nicht mehr als 200 Aktien gehandelt worden. „Dieses Volumen rechtfertigt die Kosten nicht“, vertraute Roebers anlässlich des sogenannten Delistings, also den geordneten Rückzug von der Börse, im Herbst 2015 der lokalen Presse an. Damals nahm auch der langjähriger Aufsichtsrat Günter Lewalds seinen Hut.
Auf die nächste Frage, wer denn heute das Sagen im Aktionärskreis des Unternehmens hat, gibt sich Roebers allerdings recht zugeknöpft. Von einer Familie ist da die Rede, die betont pressescheu sei. Tatsache ist: Die Lücke im Aufsichtsrat schloss Robert Fortmeier (Jahrgang 1987). Der Neue ist Sohn von Bruno Fortmeier (Jahrgang 1960), der als Hauptaktionär mehr als 75 Prozent der Aktien hält. Die ARF Holding GmbH in Schloss Holte-Stukenbrock und ihr Gesellschafter Bruno Fortmeier erhöhte nach dem Börsen-Hype unverdrossen ihren Aktienbesitz sukzessive. Zu den Verkäufern zählte neben den Gründern von PC Spezialist auch Frank Roebers und viele Kleinaktionäre.

Müller-Geschäftsführer Robert Fortmeier, Finanzminister Markus Söder (3. v. l.) in Kranzberg

Müller-Geschäftsführer Robert Fortmeier, Finanzminister Markus Söder (3. v. l.) in Kranzberg


Gut im Geschäft mit reiner Luft
In Schloss Holte-Stukenbrock führt Bruno Fortmeier zudem, die von seinem Vater Josef gegründete Jofo Pneumatik GmbH, die unter anderem Steuerungen und Antriebe für Lüftungen und Rauchabzugsanlagen herstellt. Seine Aktivitäten sind jedoch längst über das väterliche Stammgeschäft hinaus weit gefächert. So rettete er den Küchenhersteller Nieburg aus Löhne mit 113 Mitarbeitern aus der Insolvenz. Und an den Eifelhöhen-Klinik AG in Bonn soll er gleichfalls beteiligt sein. Doch das sind letztlich kleine Fische im Aquarium des Hechts unter den Investoren, den Frank Roebers kenntnisreich mit dem legendären Finanzier aus den USA vergleicht: Warren Buffet. Die Spur seiner Investments führt aus der ostwestfälischen Provinz um Bielefeld nach Bayern. Genauer nach Kranzberg bei München. Im dortigen Industriepark residiert einer der Hidden Champions im deutschen Mittelstand: Die Müller Apparatebau GmbH. Die Maschinenbau-Firma wurde 1965 vom langjährigen Inhaber Manfred Müller gegründet und ist heute ein „hochmodernes und international agierendes Unternehmen, das sich dennoch die Vorteile eines Familienbetriebs bewahrt“ hat.
Spezialist für die Papierverarbeitung
Das Maschinenbauunternehmen ist seit über 50 Jahren auf die Papierverarbeitung spezialisiert und erstellt die hierfür erforderlichen Maschinen nach Kundenwunsch. Im O-Ton der Firma: „Müller steht für flexibelste Papier-Management-Lösungen zur automatisierten Verarbeitung digitaler Druckprodukte. Vom Schneiden, Falzen, Kuvertieren über das Verifizieren von Dokumenten bis zum Aufspenden von Plastikkarten: Systeme von Müller bieten modernste Technik und eine hohe
Zuverlässigkeit für die unterschiedlichsten Anforderungen vom Transaktionsdruck bis zu Graphic-Arts-Anwendungen.“ Die Dokumentenverarbeitungssysteme, eine der maschinellen Spezialitäten von Müller Apparatebau zeichnen sich durch einen konsequent modularen Aufbau aus. So kann eine Anlage mit maßgeschneiderten Modulen auf verschiedenste neue Aufgabenstellungen hin angepasst werden. Alle Module laufen eigenständig und kommunizieren miteinander. Hinzu kommt die hohe Fertigungstiefe von etwa 90 Prozent: Sowohl die Software als auch Platinen, Netzteile, Motoren und Lichtleiter entstammen der Maschinenschmiede aus Kranzberg. „Durch die Eigenproduktion können nahezu alle Teile selbst repariert werden. Wegen dieser und vieler anderer Besonderheiten nennen wir unsere Geräte auch den Apple unter den Kuvertierern“, vermerkt Fortmeiers Mitarbeiter Holzer.
Allzweckwaffe Dino
Die eigene Entwicklung und Fertigung und damit kurze Wege, die Kosten sparen prädestinieren Müller zum mittelständischen Vorzeigeunternehmen. Kein Wunder, das Markus Söder schon als bayerischer Finanzminister der Einladung zur Visite nachkam. Das Unternehmen zählte vormals zur JoFo Beteiligungs GmbH, die Großvater Josef Fortmeier ebenso gründete wie die JoFo Maschinenbau GmbH, die in Schloss Holte-Stukenbrock residiert. Die Synaxon AG verlegte gleichfalls ihren Firmensitz 2011 von Bielefeld dorthin.
Überdies ist der Enkel des Gründers Geschäftsführer der Dino Holding GmbH, deren Geschäftszweck allumfassend klingt: „Das Halten und Verwalten eigenen Vermögens, die Übernahme von Geschäftsleitungs- und Managementtätigkeiten sowie die Produktion und der Vertrieb von pneumatischen und elektrischen Geräten. Die Gesellschaft kann alle Geschäfte betreiben und Handlungen vornehmen, die geeignet sind, dem Gesellschaftszweck unmittelbar oder mittelbar zu dienen.“ Kurzum: die ideale Basis für weitere Zukäufe. Was der Fortmeier-Clan auch anfasst, gelingt – den Grundstock erarbeitete Josef Fortmeier (10.12. 1927 – 24.04.2020)
Beginn im Kuhstall
Josef Fortmeier wuchs in Hövelhof mit acht Geschwistern auf. Der Tradition folgend hatten seine Eltern ihn erkoren, katholischer Priester zu werden. Der Filius folgte indessen seinem familiären Trieb. Er brach das Gymnasium ohne Wissen der Eltern ab und suchte eine Lehrstelle als Hufschmied. Nach den Lehr- und Wanderjahren machte er sich am 4. Juli 1960 im ehemaligen Kuhstall auf dem Grundstück seiner Schwiegereltern in Bielefeld-Senne selbstständig. Sein Bonmot: „Kuh raus, Drehbank rein.“ Aus den ersten Hydraulikzylindern, die er fertigte, wuchs die Firma für Sondermaschinen, hydraulische Zylinder und Handpumpen zu einem der führenden Unternehmen für Rauch- und Wärmeabzugsanlagen. Der weiterhin klangvolle Name JoFo setzt sich zusammen aus den ersten Buchstaben des Vor- und Nachnamens des Gründers. In seiner Ära entwickelte er innovative Lösungen für Brandschutz und Lüftungstechnik, Steuerungen und Antriebe für natürlichen Rauch- und Wärmeabzug.
1988 im Alter von 28 Jahren übernahm Bruno Fortmeier den Betrieb mit 280 Mitarbeitern. Die Nachfolge klappte reibungslos: „Josef hat die Firma voller Vertrauen und mit viel Zuversicht übergeben und sich dann auch nicht mehr eingemischt. So etwas kommt ganz selten vor.“ Neben dem familiären Kerngeschäft sah sich der Vollblutunternehmer rasch nach weiteren unternehmerischen Möglichkeiten um, schweigt sich aber darüber aus, welche es sind, getreu seiner auch von Frank Roebers beherzten Devise: “Wir sind pressescheu”.

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