Retten, was zu retten lohnt!

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Kommentar zur CORONA-Krise von Autor Knut Pauli

„DAS VIRUS WIRD UNS NICHT MEHR VERLASSEN“

Weder Ökonomen noch Politiker postulierten bislang ihre Pläne nach der Pandemie, geschweige denn der DFV. Dies ist offenbar in Privileg der Philosophen. Anders als die auf Quartalszahlen oder Wahltermine fixierte Elite denken die Vordenker wie einst Platon oder Seneca weit über den Tag hinaus. Ihnen obliegt es, der Gesellschaft Orientierung zu geben, wie aus einer Krise eine Chance erwachsen kann, allerdings in einer künftig permanenten neuen Normalität. Der Bonner Philosoph Markus Gabriel zählt sich zu diesen „Repräsentanten der Vernunft“. Seiner Analyse nach befinden wir uns in einer historischen Zeitenwende, die einen gesellschaftlichen Umbruch auslöst und das Tempo von schneller, höher, weiter in der Wirtschaft ebenso hinterfragt wie den kollektiven Urlaubs-Zwang inklusive „Ballermann“ oder „AIDA“ mit der Endlos-Party-Schleife daheim. Jetzt steht der Globus am Wendepunkt oder Abgrund – je nach Stimmungs- besser noch Kenntnislage. Jedenfalls gilt es nun, ökologisch wie ökonomisch zu retten, was zu retten lohnt.

Retten, was zu retten lohnt

Ein „Weiter so“ respektive ein Zurück in die Zukunft ist seit Corona keine Option. Die Forderung von Stefan Genth, Cheflobbyist des deutschen Einzelhandels, 500 Millionen auf die Hand zu Rettung der Cities und kein zweiter Lockdown, sonst melden 50.000 Händler im Herbst Bankrott an, verfehlt das Ziel. Zum Einkaufen muss kein Mensch mehr in die Innenstädte kommen. Deren Zukunft liegt ohnehin zum Gutteil in der Hand von René Benco, dem Besitzer der Grundstücke des taumelnden Warenhausgiganten Karstadt Kaufhof. Mit dem Attraktivitätsverlaust der Kundenmagneten aus dem vorletzten Jahrhundert, bedarf es mehr Fantasie, um Wohnen, Einkaufen, Arbeit und Freizeit unter einen Hut zu bringen. Die Städte müssen sich wie die Händler neu erfinden. Nur wer die Distanz zum Kunden wie zum Kollegen managen kann, hat eine Chance – ob in der Stadt oder auf dem Land, ob Filialist oder Franchise-System.

Regenwald und Tönnies

Der Pandemie folgen die Rezession und bald der gesellschaftliche Diskurs. „Wir sind in einer hygienisch ausgelösten Revolution angekommen“, bringt Philosoph Gabriel die Situation auf den Punkt. Um die Chance des Neubeginns mit Corona zu nutzen, mahnt der Inhaber des Lehrstuhls für Erkenntnistheorie an der Uni Bonn, eine universellen Ethik an: „Die moralischen Fragen unserer Zeit sind alle global.“ Von der Kinderarbeit in Bangladesch für KIK, über das Abholzen des Regenwaldes in Brasilien bis zu den Schlachtbetrieben von Tönnies.

In Zeiten wie diesen hilft auch kein Blick zurück, denn die Spanische Grippe grassierte gerade mal vor einem Jahrhundert. Die Lehren daraus: gleich Null. Weder AIDS noch die weiterhin wabernde HIV-Pandemie trieben die Menschen auf die Straßen wie der, zum Corona-Schutz verordnete Maskenschutz aktuell. Diese Menetekel leisteten, wie schon im Mittelalter bei der Pest in Venedig, der Diskriminierung von Minderheiten Vorschub und trafen damit ihre vermeintlich Schuldigen. Eine gesellschaftliche Debatte über Werte und Moral fand nicht statt.

Umbau und Ethik

Dieses Mal ist alles anders. „Das Virus wird uns nicht verlassen, auch nicht mit einem Impfstoff irgendwann“, so Gabriel und weiter: „Wir bleiben in der Phase des vorsichtigen Umbaus der Gesellschaft. Die Ideen unserer neuen Aufklärung müssen für alle Menschen gleichmaßen gelten – sonst sind sie falsch.“ Das genau sei die größte Herausforderung „weil es bisher keine Ethik gab, die in dieser Weise egalitär* war.“ – Was sagte doch Konrad Adenauer, der Philosoph unter den Politikern: „Wir alle leben unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“

*“auf politische, soziale Gleichheit gerichtet“

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