Pleiten in Kauf nehmen?

Franchise_Consultant_Reinhard_Wingral

Part 2:

Franchising-Network sprach exklusiv mit Reinhard Wingral, Franchise-Consultant aus Eckernförde, der seit 1988 beim Aufbau und der Sanierung von Franchise-Systemen erfolgreich tätig ist, welchen Schaden die Pandemie in der Franchise-Wirtschaft verursacht, und wie Franchisenehmer und Franchisegeber jetzt durch die Corona-Krise kommen. Der Internationale Währungsfons (IWF) rechnet mit der größten globalen Rezession seit dem Schwarzen Freitag in NY vor fast 100 Jahren.

Die staatliche Förderbank KfW springt Kleinbetrieben mit Finanzspritzen bei, die müssen aber zwischen 2017 und 2019 Gewinn gemacht haben. Nimmt man die Zahlen des Deutschen Franchise Verbandes (DFV) dann stieg in diesem Zeitraum die Anzahl der Franchisenehmer von 162.000 auf exakt! 171.824. Nach Adam Riese reden wir über 9.824 – also rund 10.000 Franchisenehmer, die dieses Kriterium in der Anlaufphase nur bedingt erfüllen – oder?

Stimmt. Bei einer soliden Finanzierung neuer Partner, die sinnvollerweise auf Grundlage einer detaillierten Planung durch einen erfahrenen und neutralen Berater erfolgen sollte, muss eine Durststrecke von einem bis eineinhalb Jahren berücksichtigt sein, sonst sind sie jetzt gekniffen und reichen erst gar nicht die Gewinnzone und schauen bei den staatlichen Zuschüssen in die Röhre. Wer aber schon mehrere Jahre tätig ist und bereits nach ein bis zwei Monaten Umsatzausfall wirtschaftlich in die Knie geht, ist entweder Franchisenehmer in einem System, das wirtschaftlich nicht zu seinen Lebensverhältnissen passt oder er hat sein bis dato verdientes Geld stets zu sorg- und planlos ausgeben.

Ich halte die finanzpolitischen Entscheidungen der Bundes- und der Landesregierungen für einen elementaren volkswirtschaftlichen Irrtum. Die kurzfristigen Liquiditätshilfen Krediterleichterungen und Lockerungen bei diversen gesetzlichen Bedingungen erzeugen sicher Sympathien in der Wählerschaft und geben ebenso vielen Betroffenen Hoffnung auf ein Happy-End.  Das ist menschlich nur zu gut verständlich. In Wirklichkeit verschiebt sich die Pleite aber in ganz vielen Fällen nur zeitlich, denn die Regeln der Betriebswirtschaft sind genauso real wie die Gesetze der Physik oder der Statik im Bauwesen. Zudem wird die bevorstehende Rezession die wirtschaftliche Erholung in die Länge ziehen und die Verschuldung des Staates durch verminderte Steuereinnahmen und die Haftung für die kränkelnden Staaten im Euroraum verschärfen. Und woher soll das Geld bei der nächsten flächendeckenden Krise kommen?

Da könnte doch die System-Zentrale aushelfen. Die Rettung eines Franchisenehmers etwa im beratungsintensiven Einzelhandel kostet schätzungsweise 0,5 Millionen Euro je Partner. In der Gastronomie veranschlagen Branchenkenner zwischen 1 bis 1,5 Millionen Euro.

Bei derart allgemeinen Zahlen bin ich sehr vorsichtig, denn die Geschäftskonzepte bilden ein zu großes Spektrum ab. Ich kann einen Gastronomiebetrieb mit zwei Millionen Investitionen und hohen operativen Betriebskosten nicht mit einem Konzept vergleichen, bei dem nur ein Bruchteil dieser Investitionen und entsprechend niedrige Betriebskosten relevant sind. Allerdings können nur die ganz großen, finanzstarken Franchisegeber solche Notsituationen stemmen und selbst die werden sich das gut überlegen, ob sie den Standort eines angeschlagenen Partners weiterführen möchten oder schließen. Über den Tag hinaus dürften sich ohnehin Standortprofile ändern. Einzelhandelskonzepte, die bisher auch in kleinere Orte expandierten, werden vermutlich künftig in deutlich größere Orte gehen, um ein tragfähiges Marktumfeld zu haben. Der Grund ist recht simpel: während der aktuellen Krise ist eine deutliche Zunahme der Online-Quote im Handel zu verzeichnen, was den Abbau der stationären Präsenz beschleunigen dürfte. Bei der Digitalisierung der Geschäftsprozesse erweist sich das Virus somit als Turbo – dieser Trend ist irreversibel und stärkt die Besten unter den Systemen.

Vielleicht nehmen die allzu Cleveren unter den Franchisegebern einen Konkurs von Partnern in Kauf, übernehmen den Standort und die Einrichtung dann zum Spottpreis und suchen einen neuen Betreiber –selbst in guten Zeiten war das ja wohl Methode bei Subway – ein negatives Vorbild?

Da dürfte der ein oder andere sicherlich draufkommen und die Gunst der Stunde für sich nutzen wollen. Nun sollte man Franchisegebern nicht generell hohe Sympathien für die Subway-Strategie unterstellen – aber ja, es wird sicher verstärkt zu Übernahmen kommen. Aber auch Standorte zum Schnäppchenpreis müssen letztlich bezahlt werden, einschließlich der Übernahme von Mietverträgen und anderer Verpflichtungen. Unabhängig davon bleibt jeweils die grundsätzliche Frage, warum der betreffende Standort überhaupt notleidend geworden ist. ff

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